Act against Aids

Einblicke: Hausbesuche

Auf Hausbesuch mit der Sozialarbeiterin

Für manche Patienten ist es aufgrund schwierigster Lebens­verhält­nis­se kaum möglich, die HIV-Therapie diszipli­niert einzu­halten. Mit Haus­besuchen klärt die Sozial­arbeiterin Melania Mugamu ab, wie wir sie besser unter­stützen können. Dabei hilft ihr auch die eigene Geschichte mit HIV/Aids.

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1/6: Melania Mugamu, die Sozialarbeiterin der Newlands Clinic, fährt regelmässig zu Patientinnen und Patienten nach Hause, die besondere Unterstützung benötigen. Hier besucht sie zwei HIV-positive Waisenkinder (links und Mitte), die bei ihren betagten Grosseltern leben.

2/6: Bei den Besuchen muss Melania Mugamu sehr private Themen ansprechen wie Armut, Missbrauch oder Gewalt. Kraft für diese schwierige Arbeit schöpft sie auch aus ihrer eigenen Geschichte: Melania ist selber HIV-positiv und hat im Jahr 2000 ihren Mann wegen Aids verloren.

3/6: Hier erhält ein Patient der Newlands Clinic einen neuen Rollstuhl. Ohne diesen schafft er den Weg in die Klinik nicht, um die HIV-Therapie fortzuführen.

4/6: Hier besucht die Sozialarbeiterin Memory, ein 15-jähriges Mädchen. Sie lebt bei ihrer Grosstante, da sie ihre Eltern verloren hat. Der Einbezug der Familie ist gerade bei der Betreuung von Jugendlichen sehr wichtig.

5/6: Die Patientin Christine muss sich als alleinerziehende vierfache Mutter durchschlagen. Je nachdem, welche Situation Melania Mugamu bei den Patienten zuhause antrifft, kann sie zum Beispiel Nahrungsmittelhilfe oder die Teilnahme an einer Gruppentherapie beantragen.

6/6: Zurück in ihrem Büro erfasst Melania Mugamu alle neuen Informationen in der Kliniksoftware. Um die Situation der Patientinnen und Patienten zu verbessern, arbeiten das psychosoziale und das medizinische Team der Klinik eng zusammen.
(Fotos: Patrick Rohr)

Man muss etwas Glück haben, um Melania Mugamu in ihrem kleinen Büro in der Newlands Clinic anzutreffen. Die Frau Anfang sechzig, die einen immer mit einem herzlichen Lachen empfängt, ist meistens auf Achse. Als Sozialarbeiterin leitet sie Gruppentherapien für Patienten mit drohendem Therapieversagen, berät Menschen, die sich gerade in einer besonders schwierigen Situation befinden, und macht Hausbesuche bei Patienten, die besondere Unterstützung benötigen.

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Ein offenes Ohr für die Nöte der Patienten

Mit dem Auto fährt sie in die Armenviertel rund um Harare. Sie besucht Kinder, die wegen Aids ihre Eltern verloren haben und bei ihren betagten Grosseltern leben, junge Mütter, die kaum wissen, wie sie ihr Baby versorgen können, oder Jugendliche, die keine Zukunftsperspektive sehen. Oberstes Ziel der Hausbesuche ist es, Therapieabbrüche zu verhindern. «Manchmal stellt sich der weite Weg in die Klinik als Grund für die verpassten Termine heraus. In anderen Fällen ist die psychische Verfassung der Patienten so schlecht, dass sie sich kaum mehr zur Therapie motivieren können» erzählt Melania Mugamu. Oftmals muss sie auch sehr private Themen ansprechen wie Armut, Missbrauch oder Gewalt. Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr gewisse Situationen grosse Mühe bereiten – etwa dann, wenn ein kleines Waisenmädchen zwischen Verwandten hin- und hergereicht wird und deshalb die Therapie in der Newlands Clinic abbrechen muss.

Selber HIV-positiv

Kraft für diese schwierige Arbeit schöpft die Sozialarbeiterin auch aus ihrer eigenen Geschichte: Melania Mugamu ist selber HIV-positiv und hat im Jahr 2000 ihren Mann wegen Aids verloren. Damals gab es in Simbabwe noch keine Medikamente gegen das Virus. Sie selber konnte drei Jahre später schwer krank mit der Therapie beginnen. «Ich hatte schon damit begonnen, mich auf den Tod vorzubereiten» erzählt sie. Doch nach nur wenigen Wochen Therapie fühlte sie sich bereits deutlich besser, und ein halbes Jahr später hatte sie wieder genug Kraft, um an der Hochzeit ihrer Tochter teilzunehmen.

Das gefährliche Schweigen brechen

Dieses zweite Leben will sie nutzen, um anderen Menschen mit HIV Hoffnung zu geben und gegen die Stigmatisierung zu kämpfen. «Ich habe das Glück, in meiner Arbeit das gefährliche Schweigen über HIV brechen zu können», sagt Melania Mugamu. Es ist ein langer Kampf, den sie zusammen mit dem Team der Newlands Clinic führt, aber Melania Mugamu zweifelt keine Sekunde daran, dass er sich lohnt. Und wenn sie dann erlebt, wie ein junger Patient beginnt, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, oder ein Kind wieder stark genug ist, um zur Schule zu gehen, so ist das der grösste Dank, den sie für ihren Einsatz erhalten kann.

Einblicke: Interview mit Stefan Zimmerli

«Ich arbeite in einem erstaunlich ähnlichen Umfeld wie zuhause»

Stefan Zimmerli, Spezialist für Infektionskrankheiten am Berner Inselspital, übernimmt im Herbst 2017 von Ruedi Lüthy die medizinische Leitung der Newlands Clinic. Im Interview berichtet er über seine bisherigen Erfahrungen und über erstaunliche Parallelen zu seiner Tätigkeit in der Schweiz.

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1/6: Stefan Zimmerli war in den vergangenen Monaten mehrmals längere Zeit in Harare, um sich in seine künftige Aufgabe als medizinischer Direktor der Newlands Clinic einzuarbeiten. Hier schult er gerade das medizinische Team.

2/6: Stefan Zimmerli zusammen mit Ruedi Lüthy bei einem seiner ersten Besuche in Harare. Die offizielle Stabübergabe findet im Herbst 2017 statt.

3/6: Um sich selber ein Bild vom Leben der Patientinnen und Patienten zu machen, begleitet Stefan Zimmerli ab und zu die Sozialarbeiterin bei den Hausbesuchen. Hier unterhält er sich mit einer alleinerziehenden HIV-positiven Mutter von vier Kindern.

4/6: Stefan Zimmerli im Gespräch mit Apotheker Tinashe Mudzviti. In den letzten Monaten hat er einen Einblick in alle Bereiche der Klinik erhalten.

5/6: Als künftiger medizinischer Direktor ist Stefan Zimmerli für die Schulung des medizinischen Personals und für die Behandlungsqualität verantwortlich. Hier bespricht er den Fall eines Patienten mit Arzt Cleophas Chimbetete.

6/6: Der neue Medizinische Direktor Stefan Zimmerli zusammen mit Ruedi Lüthy und seinen Stellvertretern, den Ärzten Cleophas Chimbetete und Margaret Pascoe.

Stefan Zimmerli, Sie arbeiten seit Herbst 2016 immer wieder für mehrere Wochen in Harare. Wie hat dies Ihr Leben verändert?

Die grösste Veränderung ist sicher, dass ich immer wieder für einige Wochen weg vom Inselspital und meiner Familie bin. Aber grundlegend hat sich mein Leben nicht verändert: Ich arbeite in einem erstaunlich ähnlichen Umfeld wie zuhause in der Schweiz. Die Klinikorganisation, die Zusammenarbeit mit dem Team, die offene Kommunikation und die flache Hierarchie sind ähnlich.

Das Arbeitsumfeld ist aber doch ein ganz anderes als das in der Schweiz, wo Sie bisher vorwiegend tätig waren. Wie erleben Sie das?

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Das Krankheitsbild der Patientinnen und Patienten der Newlands Clinic ist in mancher Hinsicht vergleichbar mit der Situation in der Schweiz vor 20 Jahren. In der Schweiz wird eine HIV-Infektion heute meistens so frühzeitig erkannt und behandelt, dass gar keine Folgekrankheiten – sogenannte opportunistischen Infektionen – auftreten. In Simbabwe haben hingegen viele Patienten bereits ein stark geschwächtes Immunsystem und leiden an Infektionskrankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose. Auch der Umgang mit den vielen Kindern und Jugendlichen ist für mich neu. Da muss ich mich noch weiter einarbeiten.

Wie muss man sich das Leben in Simbabwe vorstellen?
Was für mich sehr befremdlich ist: Die Menschen leben hier in zwei komplett getrennten Welten. Die wenigen reichen Menschen leben fast wie bei uns. Sie wohnen in grossen Häusern, fahren Luxuswagen, sind sehr gut angezogen und bringen morgens ihre Kinder zur Krippe. Daneben gibt es aber die Mehrheit der Bevölkerung, die – wie unsere Patientinnen und Patienten – bestenfalls mit wenigen Dollar pro Tag über die Runden kommen muss. Die beiden Welten haben kaum Überschneidungen.

Wie wirkt sich diese grosse Armut der Patientinnen und Patienten auf die Behandlung aus?

Die psychosoziale Begleitung unserer Patienten ist sehr wichtig. Am schwierigsten ist die Situation bei den Jugendlichen, die als Vollwaisen in Pflegefamilien oft als Last empfunden und ausgenützt werden. Sehr viele haben depressive Störungen. Zum Teil erleben wir ganz schwierige Situationen, die wir nicht lösen können. Das ist speziell für die behandelnden Pflegepersonen und Ärzte belastend.

Im Herbst übernehmen Sie offiziell die Funktion als medizinischer Direktor. Wie verstehen Sie diese Rolle?

Meine Aufgabe ist es, das Team zu schulen und bei Bedarf Fehler zu korrigieren. Am Morgen bespreche ich mich jeweils mit dem Ärzteteam. Welche Patienten kommen heute, bei welchen genau hingeschaut werden muss? Gibt es neue Resultate, die wir auswerten können? Die Ärztinnen und Ärzte holen mich zu den Patienten, wenn sie mich brauchen. Der Grossteil der Arbeit liegt also weiterhin bei den einheimischen Pflegepersonen und Ärzten. Ich bin dazu da, sie laufend weiterzubilden und die Qualität der Behandlung sicherzustellen.

Haben Sie sich für die nächsten Monate ein Ziel gesetzt?

Ich habe nicht erwartet, dass es so viele Krebsfälle gibt. Hier müssen wir überlegen, was wir für die betroffenen Patienten tun können. In Simbabwe hat kaum jemand Zugang zu Vorsorgeuntersuchungen, zudem ist die Scham sehr gross, sich im Genitalbereich untersuchen zu lassen, wo die Mehrzahl der Krebserkrankungen bei unseren HIV-Patienten auftreten. Leider suchen viele erst Hilfe, wenn die Beschwerden sehr stark sind und die Krankheit weit fortgeschritten ist. Manchmal ist es dann für eine Heilung leider schon zu spät.

Im Herbst geht es zum nächsten Mal nach Harare. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf das Wiedersehen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Klinik. Die Herzlichkeit, die die Arbeit im Team und mit den Patienten prägt, ist eindrücklich. In so einem Umfeld zu arbeiten ist ein Privileg.

Einblicke: Maisbauer Augustine

Zurück ins Leben

Augustines Familie wurde schwer von der HIV/Aids-Epidemie getroffen. Dank der Hilfe der Newlands Clinic sollen sie bald wieder auf eigenen Beinen stehen können.

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1/7: Der Maisbauer Augustine hat seine erste Frau wegen Aids verloren. Er, seine Tochter Gracious und sein Sohn Talent sind alle drei HIV-positiv und in der Newlands Clinic in Behandlung.

2/7: Augustine sorgt für eine Patchwork-Familie. Von links nach rechts: Augustine, seine zweite Frau Constance, seine Töchter Gracious und Theresa aus erster Ehe, sein kleiner Sohn Trevor, Constance Tochter Beyoncé und Augustines Sohn Talent.

3/7: Der Familienvater baut Mais, Süsskartoffeln und Bohnen an. Im Maisanbau-Projekt der Newlands Clinic hat er gelernt, bei der Aussaat den richtigen Abstand einzuhalten, damit die Pflanzen gut wachsen. Sein erster Enkel ist im Tragtuch bereits dabei.

4/7: Im Jahr 2016 machten vielen Patienten der Newlands Clinic die Folgen einer schweren Dürre zu schaffen. Auch der Wasserstand in Augustines Brunnen, mit dem er die Pflanzen bewässert, ist sehr niedrig.

5/7: Augustines zweite Frau Constance ist HIV-negativ. Das Paar wurde in der Klinik umfassend über die Übertragungswege informiert. Ist das Virus unterdrückt, ist eine Ansteckung praktisch ausgeschlossen.

6/7: Während Augustines Sohn Talent bei der Geburt mit HIV angesteckt wurde, ist sein kleiner Sohn Trevor aus zweiter Ehe gesund. Auch sein erster Enkel - Gracious Sohn - kam dank der Therapie HIV-negativ zur Welt.

7/7: Die Familie auf dem Rückweg von ihrem kleinen Fruchtgarten, wo Avocados, Guaven und Pfirsiche wachsen. Sie ist mit Hilfe der Newlands Clinic auf dem Weg in eine Zukunft ohne HIV.
(Fotos: Patrick Rohr)

Felder soweit das Auge reicht und eine grosse Stille, die nur ab und zu von Hundegebell unterbrochen wird: In Chishawasha, einer Siedlung etwas ausserhalb von Harare, hat man das Gefühl, mitten auf dem Land zu sein. Hier lebt Augustine mit seiner Patchwork-Familie. HIV hat das Leben der Familie auf den Kopf gestellt. Seine erste Frau ist an Aids gestorben, und Augustine und zwei der drei gemeinsamen Kinder sind HIV-positiv und in der Newlands Clinic in Behandlung.

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Mit Maisanbau für die Familie sorgen

Mittlerweile hat Augustine wieder geheiratet und einen Sohn bekommen. Um die Grossfamilie zu ernähren, baut der Familienvater Mais, Süsskartoffeln und Bohnen an. Doch die Ernte reicht oft nicht, weil es viel zu viel oder fast gar nicht regnet. 150 Patienten der Newlands Clinic, die etwas Land besitzen, werden deshalb mit einem Maisanbau-Projekt unterstützt. Augustine hat so gelernt zu kompostieren, die Erde optimal vorzubereiten und beim Säen den richtigen Abstand einzuhalten. Die erste Ernte war wegen der Dürre noch bescheiden, aber die effiziente Anbautechnik scheint zu fruchten, und so sollte er bald selber für seine Frau und die Kinder sorgen können.

Das Ziel: eine HIV-freie Generation

Das Leben der Familie scheint endlich eine positive Wendung zu nehmen. Augustines kleiner Sohn Trevor ist gesund, und auch seine Tochter Gracious hat dank der Therapie einen HIV-negativen Jungen zur Welt gebracht. Die Hilfe der Newlands Clinic kommt auch dem ersten Enkel zugute: Gracious besucht eine Selbsthilfegruppe für junge Mütter und lernt dort, wie sie besser für ihren Sohn sorgen kann. Augustines Familie ist auf dem besten Weg in eine HIV-freie Zukunft.